Ukraine: Die Lage Anfang Oktober

Trotz immer lückenhafterer Informationen beider Seiten und des jahreszeitlich bedingten weitgehenden Ausfalls von FIRMS als Quelle ist für einige Frontabschnitte eine aktuelle Lagebeschreibung möglich
1. Kupjansk
Seit Ende Juli läuft nördlich der Stadt um Dvoritschne eine ukrainische Offensive, während in Kupjansk und südöstlich davon die russischen Angriffe weitergehen und Boden gut gemacht haben
Das Ziel der ukrainische Angriffe dürfte recht begrenzt sein; wahrscheinlich will man das Westufer des Flusses erreichen, um die Hauptversorgungsstrecke für die russischen Angriffsverbände um Kupjansk in bequemer Drohnenreichweite zu haben. Ein Übergang über den Oskil zwecks wäre wegen der bewaldeten Höhen des östlichen Talrandes riskant und verlustreich Die nächste größere Straße verläuft deutlich weiter östlich, so dass man den Nachschub stark behindern und so die russischen Angriffe zum Stehen bringen könnte - Kupjansk ist seit einem Jahr eine persönliche Angelegenheit für Putin, nachdem er voreilig die Einnahme verkündet hatte, nur um wenig später Bilder von Selenskij aus dem Stadtgebiet zu sehen. Eine erneuter Rückschlag dort wäre deshalb ein Gesichtsverlust für Putin; strategisch haben die Kämpfe in diesem Raum keine besondere Bedeutung
Die Geländegewinne wurden von ukrainischer Seite kommuniziert, erst zuletzt wurde wieder verstärkte Opsec gewahrt. Möglich, dass wir deshalb den vollen Umfang der Erfolge noch nicht kennen
2. Liman
Für die aktuelle Lage ist man weitgehend auf russische Quellen angewiesen, da der ukrainische Generalstab weiterhin mit seinen Meldungen Wochen bis Monate hinterherhängt und auch die mit ihm verbundenen Blogger wie Deepstate sich an die verordnete Opsec halten. Meist wird der Verlauf der Grenzen des von beiden Seiten kontrollierten Gebietes in etwa wie hier kartiert. Die vom GSUA in seiner Morgenlage gemeldeten russischen Angriffsrichtungen lassen allerdings erkennen, dass sich in Teilen des ehemaligen Frontbogens weiterhin versprengte russische Gruppen halten (rot)
Neben den dort laufenden Säuberungsaktionen scheint der Schwerpunkt der Kämpfe nach einem Bericht des russischen Telegram-Kanals "Dwa Majora" aktuell im Bereich Saritschne-Jampil zu liegen, wo die Ukrainer weiterhin versuchen, den russischen Brückenkopf westlich des Scherebetz zu eliminieren. Nach wie vor dürfte das Ziel sein, die eigene Kontrolle von Makijiwka abwärts bis an den Fluss auszudehnen, mit einer Grauzone östlich davon
3. Kostjantiniwka-Pokrowsk
Seit Ende August haben die Russen die relative Bedeutung der Angriffe in diesem Abschnitt, wo sie versuchen, den ukrainischen Festungsgürtel von Süden zu umfassen, weiter erhöht, auf ihn entfallen seither um die 55% aller vom GSUA gemeldeten Angriffe, bei allerdings sinkender Gesamtzahl. Da andererseits die russischen Verluste gestiegen sind, dürfte dieser Rückgang lediglich einen Taktikwechsel zu größeren Aktionen oder eine geänderte Zählweise des GSUA anzeigen
Der Vergleich des vorderen Randes des ukrainisch kontrollierten Gebietes zeigt, dass trotz des hohen Aufwandes der Angreifer die weitere Infiltration der Russen gestoppt werden konnte; teilweise wurden sogar infiltrierte Bereiche gesäubert, besonders wichtig im Bereich ganz im Norden des Kartenausschnittes (blau), wo die vordersten russischen Trupps Ende August kurz vor der wichtigen Straße von Dobropillia nach Nordosten standen
Nach den Rückschlägen ab Ende Juli scheinen die Ukrainer die Lage hier wieder stabilisiert zu haben. Der Abschnitt bindet weiter starke russische Kräfte, die der Eroberung des Festungsgürtels dennoch nicht wirklich näher kommen
4. Oleksandrohrad/Welika Nowosilka
Hier deuten seit einer Woche die vom GSUA gemeldeten russischen Angriffe auf den Versuch hin, den ukrainischen Durchbruch abzuschneiden. Die Angriffe liegen dicht konzentriert, in Richtung Beresowe fast täglich, vermutlich weil man damit die eigene Flanke sichern. 26.-29.9. wurden mit Richtung Oleksandrohrad, Woskresenka und Sitschnewe Angriffe in die Tiefe gemeldet - wie tief ist unklar, da "in Richtung" Interpretationsspielraum lässt. Gestern folgte dann der Versuch, von Osten nach Mirne vorzudringen. Anzumerken ist allerdings, dass die Ukrainer nur melden, wohin ein russischer Angriff gerichtet ist, nicht woher er kommt, so dass die Angriffsrichtungen sich hier aus dem vermuteten Frontverlauf ergeben, aber nicht belegt sind
Dass in diesem Bereich gekämpft wird, legen auch die nach Tagen der Wolkenbedeckung gestern auf FIRMS erkennbaren Brände in Beresowe und Schewtschenko nahe. Wegen der nur vier gestern und heute dokumentierten Brände innerhalb von Siedlungen kann das zwar Zufall sein, sie passt aber ins Bild. Gegen einen durchschlagenden Erfolg des russische Gegenangriffs von Südosten spricht, dass für die letzten drei Tage keine weiteren Angriffe in diese Richtung gemeldet wurden
Offenbar haben die russische Kommandeure den Ernst der Lage erkannt und Verstärkungen herangeführt, was auch annehmen lässt, dass der ukrainische Durchbruch schließlich gestoppt wurde. Dazu gibt es allerdings keinerlei konkrete Informationen, lediglich die zuletzt rückläufige Gesamtzahl ukrainischer Angriffsaktionen könnte auf ein Ende eigener Vorstöße in diesem Bereich deuten. Völlig unklar ist, wie weit nach Südosten die Ukrainer letztlich vordringen konnten und ob/wie weit sie aufgrund russischer Gegenmaßnahmen ihre vordersten Einheiten wieder zurückziehen mussten, die wenigen Brandherde, die FIRMS in den letzten 10 Tagen gezeigt hat, erlauben keine weiterreichenden Schlüsse - der Ortsbrand in Kermentschug ganz im Südosten passt zwar räumlich zum vor zwei Wochen vermuteten Kampfgeschehen, ist als Hinweis auf die heutige Lage aber zu wenig
5. Dnipro
Kaum Meldungen, aber das wenige deutet auf zunehmende Bewegung hin. Zwei russische Vorstöße auf das rechte Ufer wurden vor einigen Tage gemeldet, erstmals dieses Jahr, umgekehrt schreiben "Dwa Majora" seit drei Tagen in ihrem morgendlichen Lagebericht von einer angespannten Lage um den ukrainischen Brückenkopf an der Antoniwski-Brücke und massiven ukrainische Drohnenangriffen dort und in Oleschki. Möglich, dass die Ukrainer hier versuchen, aus dem kleinen Brückenkopf auszubrechen, um nach Oleschki zu gelangen, wo die Russen die verbliebene Bevölkerung (1300-2000 Personen) seit Mai aushungern. Vor einigen Tagen hatte man mit Drohnen bereits 4000kg Nahrung eingeflogen, die russische Streifen sofort versuchten zu beschlagnahmen - was vermutlich wiederum den Ukrainern die Gelegenheit gab, diese Kriegsverbrecher mit Drohnen systematisch zu jagen und so die Besatzungstruppen zu dezimieren.
Berücksichtigt man die Weiterentwicklung der ukrainischen Drohnen und Roboter, die zuletzt bekannt wurde, und das Video aus dem Juli, das die Anlandung eines bewaffneten Roboters auf der Kinburn-Halbinsel durch eine Seedrohne zeigte, könnte die lange Zeit sehr statische Lage an diesem Abschnitt in absehbarer Zeit in Bewegung geraten - fraglich nur, wieviel und wann wir davon erfahren
Blick nach vorne
Ein paar Prognosen seien noch gewagt
Da das strategische Hauptziel unverändert die Krim sein muss, hat die Ukraine gar keine Alternative zu dem Versuch, im Süden die russische Front zum Zusammenbruch zu bringen. Gelingt es dieses Jahr nicht, muss man es nächstes Jahr unter womöglich ungünstigeren Rahmenbedingungen wieder versuchen
Englische Version morgen






